Giftige Chemikalien in der Kleidung sind uns hautnah – fast so nah wie den Arbeiterinnen und Arbeitern in Textilwerken. Wir unternehmen alles möglich, um unseren Körper gesund zu halten und zu entgiften, kaufen Bio-Lebensmittel und verwenden im Haushalt möglichst wenig Chemikalien beim Putzen. Und doch gibt es eine Quelle, aus der wir regelmäßig Schadstoffe aufnehmen, die noch immer weitgehend übersehen wird: Unsere Kleidung.
NEU So erfragen Sie bequem und direkt beim Hersteller, ob ein Produkt „besonders besorgniserregende Chemikalien“ enthält -> s. unten bei ‚Weiterführende Informationen‘ (26.6.2014)
Nicht nur mangelhafte Brandschutzmaßnahmen, deren katastrophale Folgen 2012 in Karatschi (Pakistan), in Dhaka (Bangladesh), und in einer chinesischen Unterwäschefabrik in der Provinz Guangdong sichtbar wurden, stehen auf der Sündenliste der Textilindustrie. Lebensgefährliche Arbeitsbedingungen in Textilwerken sind seit Jahren in der Kritik von Umweltschützern. Schon 1998 fand der Naturschutzbund NABU in seinem Mitgliedermagazin Naturschutz heute klare Worte: „Die Textilindustrie zählt zu den weltgrößten Umweltverschmutzern.“
Zwar gibt es ebenfalls seit einigen Jahren Bestrebungen, die Produktionskette ökologischer zu gestalten, wie etwa die im Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft vereinten Hersteller und Händler zeigen.
Giftstoffe in Textilien
Doch bei der Produktion der meisten Textilien werden nach wie vor viele gefährliche Gift- und Farbstoffe eingesetzt – und die betreffen uns hierzulande genauso wie die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Textilwerken: krebserregendes Dichlormethan, das Antischimmelmittel DMF, Chrom, Azofarben, Chlorgas und Formaldehyd – die Liste gesundheitsgefährdender Substanzen, die in der Textilindustrie eingesetzt werden, ist lang.
Reichern Sie sich über Jahre im Körper an, können sie Allergien, Nervenerkrankungen und möglicherweise sogar Krebs verursachen, fasst der bei ARTE gezeigte Film Schick aber schädlich – Kleidung, die krank macht (2010) die Situation zusammen.
Eine Untersuchung der Umweltschutzorganisation Greenpeace aus dem Jahr 2012 untersuchte 141 Kleidungsstücke „von Modemarken wie Zara, Benetton und Tommy Hilfiger auf krebserregende oder hormonell wirksame Chemikalien“ – mit erschreckenden Befunden. Eine weitere Studie im Rahmen der Greenpeace-Detox-Kampagne (veröffentlicht im Januar 2014) untersuchte Kinderkleidung internationaler Modemarken auf die Verwendung gefährlicher Chemikalien:
Und das Umweltbundesamt warnte in einer Pressemeldung vom 24.6.2013 Outdoorfans vor einem Feind in der beliebten wasserfesten Kleidung, aber auch in sonstigen wasser-, schmutz- und fettabweisenden Textilien: Perfluoroktansäure (PFOA) und das Salz dieser Säure (APFO) wurden in die REACH-Liste für besonders umweltgefährlichen Chemikalien aufgenommen. PFOA ist sehr stabil und reichert sich in der Nahrungskette an – da wir Menschen an deren Ende stehen, sammelt sich in unseren Körpern das meiste an.
Giftschleuder Jeans: Azofarbstoffe
Jeans erweisen sich als wahre Giftschleudern. Aus den verwendeten Azofarbstoffen lösen sich beim Kontakt mit Schweiß krebserregende Substanzen.
Im Mai 2011 wurde eine Ladung aus China kommender Jeans vom Zoll abgefangen, da die Belastung mit Azofarbstoffen zu hoch war. Die Jeans waren für den Kleidungsdiscounter KiK bestimmt, wie die ARD-Reportage Der Preis der Blue Jeans recherchierte. Das könnte als Hinweis dafür interpretiert werden, dass der Kauf von teuren Jeans vor dem textilen Giftcocktail schützt. Leider ein Irrtum, wie die aktuelle Greenpeace-Untersuchung Giftige Garne – Der große Textilien-Test von Greenpeace vom November 2012 beweist. Untersucht wurden verschiedene Kleidungsstücke von 20 Marken aus 29 Ländern: Armani, Benetton, C&A, Calvin Klein, Diesel, Esprit, Gap, H&M, Jack&Jones, Levi’s, Mango, Metersbonwe, Only, Tommy Hilfiger, Vero Moda, Victoria’s Secret und Zara. Sie wurden getestet auf Nonylphenolethoxylate (NPE), Phtalate (hormonell wirksame Weichmacher), und krebserregende Amine.
Das Ergebnis: ernüchternd.
Gelangt NPE ins Wasser – was zwangsläufig geschieht, wenn man die Kleidung wäscht – entsteht Nonylphenol (NP), ein Gift, das Hormone und Umwelt schädigt und hierzulande eigentlich verboten ist, in den Fertigungsländern vieler (dann in Europa verkaufter) Textilien hingegen nicht.
Aber auch der beliebte used-look von Jeans ist risikoreich: Der Spiegel berichtete 2009, daß in der Türkei junge Männer nach dem Sandstrahlen der Jeans gestorben waren – an Silikose, auch bekannt als Staublunge. Kein Wunder, wenn man ohne Atemschutzmaske Tagelang den Feinstaub einatmet.
Folgen für Gesundheit und Umwelt
Natürlich wirkt sich die giftige Produktion auch auf die Umwelt aus. Schon die Lagerung der giftigen Chemikalien in den Fertigungsländern spottet jeder Beschreibung, wie verschiedene Fernsehreportagen zeigen.
Wie wird es da wohl bei der Entsorgung zugehen? Offiziell werden die Giftstoffe korrekt entsorgt – in der Praxis sieht das leider ganz anders aus. Nicht immer ist das so offensichtlich, wie beim lilafarbenen Kaliumpermanganat, das ungefiltert aus der Fabrik in den nahegelegenen Fluss läuft.
Untersuchungen von Greenpeace zeigen, dass sich in der Umgebung der Textilfabriken generell eine hohe Schwermetallkonzentration nachweisen lässt. Und um sich vorzustellen, wie es um die Arbeitsbedingungen und die Gesundheit der in den Bekleidungsfabriken beschäftigten Arbeiter steht, ist nicht viel Phantasie nötig. Allerdings haben sie wohl die geringste Lobby. so/ms
Weiterführende Informationen
EU-Chemikalienverordnung REACH – hier können Sie über ein Anfragegenerator des Umweltbundesamtes mit dem Strichcode die Verwendung „besonders besorgniserregender Chemikalien“ beim Hersteller des Kleidungsstücks erfragen. Der ist verpflichtet, eine Auskunft gemäß REACH zu erteilen.
Aktuelle Liste besonders besorgniserregender Substanzen
Das RAPEX-Schnellwarnsystem der EU warnt jeden Freitag mit einer aktuellen Liste vor “allen gefährlichen Konsumgütern”
Greenpeace-Studie: A little story about the monsters in your closet – Kurzfassung der Studie auf Deutsch (Januar 2014)
Greenpeace-Studie: Giftige Garne (November 2012)
Naturtextil-Label
Clean Clothes Campaign
Eva Schmidt: Nachhaltigkeit und Globalisierung am Beispiel Textilien (2010)
Simone Münzer: Globale Kleidung (2011)
Beate Steffens: Die giftige Masche der Modemarken (2012)
Marie Zender: Auch teuer schützt vor Giften nicht (Greenpeace-Beitrag vom 14.01.2014)
Annett Stein: Gift-Cocktails finden viele Wege in unsere Kleidung (Beitrag in der ‚Welt‘, 9.3.14)
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