Gehörschäden vorbeugen: akustische Umweltverschmutzung meiden

„Du hörst wohl schlecht?“ – Diese Frage stellt manches Elternteil entnervt dem Kind, wenn es gar nicht auf Fragen oder Anweisungen reagiert. Angesichts der drastisch angestiegenen Lärmbelästigung in unserer Gesellschaft und den resultierenden Gehörschäden und anderen negativen Folgeerscheinungen für die Gesundheit hat diese Frage aber immer häufiger eine ernsthafte Berechtigung.

Waren früher meist vereinzelte heftige Schallereignisse wie ein lauter Knall oder eine Explosion für Gehörschäden wie das Knalltrauma verantwortlich, so ist es heute oft die Dauerbeschallung mit hohem Lärmpegel, die unsere Ohren schädigt und für schleichende Abnahme des Hörvermögens sorgt.

Gehörschaden ist irreversibel

Das menschliche Gehör ist ein hochkomplexes Organ. In unserem Innenohr, genauer im Cortischen Organ, befinden sich rund 20.000 Sinneszellen mit winzigen Härchen darauf, die hin- und herschwanken und elektrische Impulse an die Hörnerven weiterleiten, wenn sie von Schallwellen verschiedener Frequenz getroffen werden. Bei großem oder langanhaltendem Lärm werden diese Haarzellen jedoch ‚müde‘ und ein bißchen gelähmt – im schlimmsten Fall brechen sie sogar.

Nun können sie nicht mehr auf die akustischen Schwingungen reagieren und sie deshalb auch nicht mehr als Reiz weiterleiten. Bekommen ‚betäubte‘ Zellen eine ausreichende Ruhephase, können sie sich durchaus wieder erholen. Die Broschüre „Lärm bekämpfen – Ruhe schützen“ der LUBW Baden-Württemberg weiß genaueres:

„Damit sich die Ohren erholen, sollte der Lärmpegel während mindestens zehn Stunden nicht über 70 dB(A) steigen (vgl. VDI-Richtlinie 2058 Blatt 2 „Beurteilung von Lärm hinsichtlich Gehörgefährdung“). Wesentlich höhere Schalldruckpegel während dieser Ruhepause können die Erholung erschweren und zu einer bleibenden Gehörminderung oder einem Gehörschaden führen.“

Denn eine Zelle, die zerstört ist, kann sich nicht mehr erholen; der Schaden ist also irreparabel. Mit jeder weiteren zerstörten Zelle sinkt das Hörvermögen ein bisschen und die Lärmschwerhörigkeit nimmt zu – bis das Gehör am Ende seine Arbeit garnicht mehr verrichten kann. Dann ist man taub.

Das Gesundheitsamt wartet mit Zahlen auf: „Bei hohen Schalldruckpegeln (Lai>120dB) können akute Gehörschäden schon nach Geräuscheinwirkungen über Minuten eintreten. Bei extrem hohen Schalldruckpegeln (LaI>135dB) (Knalle, Explosionen) können Gehörschäden schon durch Einzelschallereignisse verursacht werden. Audiologisch nachweisbare Haarzellenschäden (bei 3kHz>40dB) können bei langfristiger Lärmeinwirkung eintreten (VDI 2058,2 und ISO 1999).“

Weil das Hörvermögens so schleichend abnimmt, wird die zunehmende Schwerhörigkeit meist unterschätzt, warnt das Gesundheitsamt: „Dabei sind die Auswirkungen im alltäglichen Leben nicht nur lästig, sondern gravierend: Besonders unter Lärm leidet die Fähigkeit, Sprache zu verstehen, d.h. der Hörgeschädigte hat erhebliche Schwierigkeiten, bereits unter relativ geringen Lärmpegeln, ungehindert an der Kommunikation teilzunehmen. Bei der Verwendung von persönlichem Gehörschutz an Lärmarbeitsplätzen beispielsweise wird die Kommunikation zusätzlich verschlechtert. Das Erleben sozialer Isolation ist eine der Folgen von Lärmschwerhörigkeit.“

Dauerhafte Ohrgeräusche (Tinnitus) können übrigens ebenfalls eine Folge von zu viel Lärm sein.

Wir leben und arbeiten zu laut

Wenn wir einmal bewusst in unserer Umgebung nach Lärmquellen suchen, so fallen natürlich sofort Schallquellen wie Großbaustellen, Flugzeug- oder PKW-Lärm oder die Geräuschkulisse in der produzierenden Industrie ein.

Tatsächlich überschreitet der Lärmpegel von Schlagbohrer, Fräsmaschine oder Flugzeugstart den Wert, der noch als unbedenklich gilt, um ein Vielfaches. Wer in der Stadt an einer Durchgangsstraße wohnt, braucht nicht nur wegen der dreckigen Außenluft eine Klimaanlage, sondern schon deshalb, weil er die Fenster nicht öffnen kann, wenn er sich unterhalten will.

In Großraumbüros herrscht eine Geräuschkulisse wie in einer Abflughalle. Im beruflichen Bereich oder hinsichtlich des Verkehrs gibt es gesetzliche Bestimmungen, die mit ihren Richtlinien Schutzmaßnahmen und die Dauer der zumutbaren Belastung regeln. Oft genug werden sie leider nicht eingehalten oder sind nicht ausreichend.

Viel gefährlicher, weil oft nicht einzuschätzen und schwer zu steuern, ist die schleichende Umweltverschmutzung durch Lärm. Gerade im Freizeitbereich setzen wir uns selbst schädigenden Einflüssen aus. Nur wer ein absolutes Gehör hat, wird vielleicht freiwillig Lärmquellen meiden.

Party, Disco, Kinderspielzeug, Musik hören – womit wir unsere Ohren beschallen

Schauen wir einmal hin: Kaum ein Jugendlicher, der nicht der Dauerberieselung mit Musik durch einen Mini-Lautsprecher im Ohr ausgesetzt ist, kaum ein Partygast, der sein Gehör vor der Diskomucke mit Watte im Ohr oder Ohrstöpsel schützt. Freizeitspaß muss hörbar sein, könnte man meinen.

Kinderspielzeuge machen nicht nur Geräusche, sie machen sehr laute Geräusche und das in der Nähe der empfindlichen Kinderohren. Die Musik im Kino ist so laut, dass man die Vibrationen der Sessel körperlich spürt (übrigens sind die hohen Dezibelstärken hier Forderungen der Verleihfirmen!).

Beim Rockkonzert sind professionelle, teure Ohrenstöpsel Grundausstattung jedes Besuchers, dem sein Gehör lieb ist (könnte man nicht einfach stattdessen die Lautstärke runterdrehen?). In Freizeitparks jaulen Sirenen mit den schreienden Fahrgästen um die Wette.

Krach macht krank

Lärm schädigt auf Dauer übrigens nicht nur die Ohren. Der Lärmstress „aktiviert das autonome Nervensystem und das hormonelle System. Die Folge: Veränderungen bei Blutdruck, Herzfrequenz und anderen Kreislauffaktoren. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus, die ihrerseits in Stoffwechselvorgänge des Körpers eingreifen. Die Kreislauf- und Stoffwechselregulierung wird weitgehend unbewusst über das autonome Nervensystem vermittelt. Die autonomen Reaktionen treten deshalb auch im Schlaf und bei Personen auf, die meinen, sich an Lärm gewöhnt zu haben„, informiert das Umweltbundesamt auf seiner Webseite:

„Zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung gehören neben den Gehörschäden auch Änderungen bei biologischen Risikofaktoren (zum Beispiel Blutfette, Blutzucker, Gerinnungsfaktoren) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie arteriosklerotische Veränderungen („Arterienverkalkung”), Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt.“

Weitere Informationen
Tag gegen Lärm (International Noise Awareness Day)

Tabelle: Lärmpegel verschiedener Schallquellen

Broschüre der Bundesärztekammer: Geho?rscha?den durch La?rmbelastungen in der Freizeit

Deutsches Grünes Kreuz für Gesundheit über das Thema Hören

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