In der Medizin nutzen wir gerne die Heilkräfte der Natur. Die Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde wird mittlerweile auch von alteingesessenen Schulmedizinern in ihr medizinisches Repertoire integriert. Doch nicht nur aus der Flora, auch aus der Fauna bekommen wir wertvolle Hilfe. Einige Tiere unterstützen Ärzte und Krankenschwestern ganz tatkräftig und äußerst erfolgreich beim Versorgen von Wunden und kleinen therapeutischen Eingriffen! Wir stellen vier der tierischen Helfer vor:
Blutegel: Vampire mit medizinischen Qualitäten
Seit Jahrhunderten bekannt und genutzt ist der Einsatz von Blutegeln. Die kleinen bis zu 15 cm großen Ringelwürmer saugen sich auf der Haut fest, ritzen sie mit kleinen Zähnen auf und saugen ungefähr 8-10 ml Blut heraus.
Dabei sondern sie ein Sekret ab, das die Blutgerinnung verhindert. Aus diesem Grund kommt es nach der Blutegeltherapie zu einem kleinen Nachbluten, der nochmal zu einem Blutverlust von 20-40 ml pro Egel führt.
In früheren Zeiten wurden Blutegel in großer Zahl angesetzt und da man sie nach anfänglichem Einsatz gegen Fieber und Schmerzen bald generell bei jeder Erkrankung pauschal verwendete, kam es durch zu hohe Blutverluste vielfach zu Todesfällen. Blutegel waren deshalb lange in Verruf.
Heute sind sie gezielt bei Therapien gegen Arthrose, Krampfadern, lokale Durchblutungsstörungen und zur Wiederherstellung der Durchblutung in transplantierten und wieder angenähten Körperteilen im Einsatz. Verwendet werden spezielle medizinische Blutegel und die Anwendung wird von ausgebildeten Therapeuten durchgeführt und überwacht.
Maden gegen offene Beine: Was die Schmeißfliege liebenswert macht
Ebenfalls lange Tradition hat der Einsatz von Maden auf Wunden, um die Heilung zu beschleunigen. Werden die winzigen Maden der Schmeißfliege bzw. ihrer Unterart Goldfliege (Lucilia sericata) sorgfältig keimfrei für diesen Einsatz gezüchtet auf schlecht heilende oder chronische Wunden gesetzt, z. B. auf offene Beine als Folge von Diabetes, so sondern sie ein Sekret ab, das abgestorbenes Gewebe auflöst.
Diesen Cocktail schlürfen die Maden dann auf. Üblicherweise werden die Maden auf die Wunden gelegt, verbunden und nach drei bis fünf Tagen entfernt. Frische Maden setzten die Arbeit fort, bis die Therapie abgeschlossen ist.
Wer Maden und Egel mal bei der Arbeit sehn will – ARTE hat eine Reportage über die medizinischen Helfer veröffentlicht:
Der Doktorfisch: Fische gegen Schuppenflechte?
In den Gewässern der südlichen Türkei und im Zweistromland lebt der Rote Saugbarbe (Garra rufa), auch Kangal-Fisch oder Knabberfisch genannt. Er gehört zu den Karpfenartigen und wird bis zu 15 cm lang. In der Ichthyotherapie (von griechisch Ichthys = Fisch) macht man sich die Vorliebe der Tiere für menschliche Hautschuppen zunutze.
Patienten mit Psoriasis (Schuppenflechte), werden ihren fleißigen kleinen Beißerchen ausgesetzt und die Schuppenflechte lässt sich dadurch bei einigen Patienten erfolgreich eindämmen, so eine österreichische Studie mit 67 Patienten (siehe unten). Das Psoriasis-Netz steht den knabbernden Fischen jedoch kritischer gegenüber: Wunder solle man nicht erwarten, und repräsentative Studien gibt es auch noch nicht.
Der Peitschenwurm im Einsatz gegen Morbus Crohn und Colitits ulcerosa: TSO-Therapie
Noch im Forschungsstadium befindet sich eine Therapie, die auf den ersten Blick für Gänsehaut sorgt: Der Schweine-Peitschenwurm (Trichuris suis) ist eigentlich als typischer Parasit bekannt und wird normalerweise bekämpft, sobald er sich im menschlichen Verdauungssystem ansiedelt.
Nun haben erste Versuche erweisen, dass sich die Beschwerden von Patienten mit den entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa einige Monate nach dem Schlucken von Peitschenwurm-Eiern deutlich verringerten.
Die Forscher führen diesen Effekt auf Abwehrzellen zurück, die der Körper gegen den Wurm bildete, die aber gleichzeitig als Eiweiß für die Heilung der Schleimhäute sorgte. Vor Selbstversuchen ohne medizinische Kontrolle wird jedoch dringend gewarnt!
Weitere Informationen:
Liya Davydov: Maggot Therapy in Wound Management in Modern Era and a Review of Published Literature. In: Journal of Pharmacy Practice February 2011 vol. 24 no. 1 89-93. doi: 10.1177/0897190010366938
Frank L. Bowling et al.: Larval Therapy: A Novel Treatment in Eliminating Methicillin-Resistant Staphylococcus aureus From Diabetic Foot Ulcers. In: Diabetes Care, February 2007, vol. 30, no. 2, pp. 370-371. doi: 10.2337/dc06-2348
Ana Carla El-Deir et al.: Review Article – Ichthyofauna used in traditional medicine in Brazil. August 2011 (Click auf ‚Provisional PDF‘ rechts oben)
Martin Grassberger, W. Hoch: Ichthyotherapy as Alternative Treatment for Patients with Psoriasis: A Pilot Study. In: Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, Volume 3 (2006), Issue 4, Pages 483-488. doi:10.1093/ecam/nel033 (Teilübersetzung ins Deutsche durch das Psoriasis Netz)
Bager, P. et al.: Symptoms after ingestion of pig whipworm Trichuris suis eggs in a randomized placebo-controlled double-blind clinical trial. In: PLoS One. 2011; 6(8): e22346. Epub 2011 Aug 2.
Marlinde Lehmann: Eier vom Schweine-Peitschenwurm verschaffen Crohn- und Colitis-Kranken Linderung. In: Ärzte Zeitung, 4. Februar 2005
Summers, RW et al.: Trichuris suis therapy for active ulcerative colitis: a randomized controlled trial. In: Gastroenterology. 2005 Apr; 128(4): 825-32.
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